Interview: Sylvain Runberg

Sylvain RunbergWir hatten vor einigen Wochen das Vergnügen, mit dem Autor Sylvain Runberg zu sprechen. Anläßlich des diese Woche erscheinenden neuen Albums "Reconquista – Die Horde der Lebenden", stellen wir Euch hier das Interview zur Verfügung.

1.) Sylvain, Du bist Autor von verschiedenen Comics, wie z.B. Konungar oder Orbital. Wie kamst Du dazu, Comics zu schreiben? Und welche Einflüsse aus Comics, Filmen, Musik oder anderen Kunstrichtungen haben Dich geprägt?

Ich habe schon immer viel gelesen, Comics, Romane, Essays, und ich habe mich mit grafischer Kunst am College beschäftigt und danach Geschichte und Politik studiert. Mehrere Jahre lang habe ich in einem Buchladen gearbeitet, danach war ich in einen Verlag beschäftigt, aber ehrlich gesagt habe ich nie damit gerechnet selbst einmal zu schreiben.

 
In 2001 war ich durch eine üble Verletzung außer Gefecht gesetzt. In der Zeit begann ich zu schreiben, ich brauchte etwas Beschäftigung bis ich wieder Laufen konnte. Wie sich herausstellte hat mir das sehr gefallen, und verschiedenen Verlagen, denen ich 2003 einige Projekte vorstellte gefiel es ebenso! Und seitdem ist es das was ich tue, ich habe 30 Bücher veröffentlicht und werde in neun verschiedene Sprachen übersetzt.
 
Was mich beeinflusst – da gibt es in der Tat einiges. In jeder Richtung. Philip K. Dick, James Ellroy, der Dänische Filmregisseur und Drehbuchautor Lars von Trier, Alan Moore, David Lynch, Dave Mc Kean, Moebius, der japanische Mangakünstler und Regisseur Katsuhiro Ôtomo, Naoki Urasawa, William Gibson, Neil Gaiman, Warren Ellis, Brian K. Vaughan, der italienische Comic- und Grafikkünstler Mattotti, Stanley Kubrick, der französische Künstler und Illustrator Baudoin, der französische Comicschöpfer Nicolas de Crecy, der argentinische Comickünstler und Schreiber Alberto Breccia, all die Vertigo/DC Veröffentlichungen, und viele andere. Das sind so viele – unmöglich die hier alle aufzulisten! Da ist der französische Autor Luc Brunschwig, der in den 90ern maßgeblich meine Art zu schreiben beeinflusst hat.
 
Die Herangehensweise einiger TV-Serien muss ich auch noch erwähnen, Six Feet Under, Games of Throne, The Sopranos, The Wire, die neue Battlestar Galactica – Serie, The Tudors, Trême, die meine Autorenarbeit inspiriert hat. Ich habe auch ein sehr großes Interesse an Musik, Ich höre besonders wenn ich schreibe viele verschiedene Musikrichtungen, von Indie-Rrock über Metal, Jazz, Classic Rock, Hiphop, Funk bis zu Elektro.

 

2.) Wie schreibst Du, hast Du eine Art „Masterplan“ im Sinn wenn Du beginnst, oder entwickelst Du Deine Ideen während des Schreibens? Wie interagierst Du als Autor mit dem Zeichner?

Wenn eine Geschichte entwickelt werden soll, muss meiner Ansicht nach immer mit den Charakteren begonnen werden. Das macht das Skript stärker. Egal welches Genre, welcher Hintergrund oder welche Art von Universum, wenn du keine starken Charaktere hast, wird es nicht funktionieren. Wo kommen sie her, warum tun sie das was sie tun, und sind sie wirklich so, wie sie scheinen? Diese Art von Dingen machen eine Geschichte in meinen Augen interessant spannend zu lesen. Dabei kann ich von absolut allem inspiriert werden. Von Politik, Geschichte, von einem Gespräch zwischen zwei Fremden, das ich zufällig in einem Café gehört habe, von meinem eigenen Leben – das ist wirklich sehr unterschiedlich.
 
Über die Zusammenarbeit mit den Zeichnern: Ich sende ihnen zuerst ein Skript, eine Zusammenfassung, dann Sequenz für Sequenz, und dann ein fertiges Dokument, das das Buch Seite für Seite, Panel für Panel mit den Dialogen beschreibt, und dann senden die Zeichner mir ein Storyboard, über das wir dann diskutieren und evtl. ein paar Änderungen vornehmen können. Danach kann der Illustrator die finale Zeichnung erstellen, mit Tusche und Farbe. Natürlich hat der Illustrator die Möglichkeit, einige Elemente zu ändern, z.B. wenn er der Meinung ist, mehr oder weniger Panels, als ich für eine Seite beschrieben habe, würden das Ergebnis verbessern. Für mich ist das absolut in Ordnung. Am Ende zählt das bestmögliche Buch für den Leser, und das ist es was Zusammenarbeit ausmacht.

 

3.) Orbital ist ein wunderbarer Science-Fiction-Comic mit sehr schönen, handgemacht aussehenden Zeichnungen und einer komplexen Geschichte. Die Menschen kommen darin nicht so gut weg, aber anderseits hat diese Geschichte einen sehr positiven Geist, und um die Ecke gedacht einen humanistischen Anspruch. Besteht für die Menschen im 'richtigen Leben' noch Hoffnung? Und – glaubst Du an Außerirdische? 🙂

Die soziologischen und politischen Aspekte mag ich in Science-Fiction am liebsten. Für mich kann Science-Fiction ein fabelhafter Spiegel sein, um unsere Gesellschaft und uns als Individuen zu betrachten. Die erste Idee zu Orbital war der Gedanke „können wir einen kulturellen Konflikt vermeiden“, und ob dies immer möglich ist. Mit anderen Worten, was macht uns tolerant oder intolerant, wenn wir auf etwas stoßen, das uns kulturell, politisch, moralisch und philosophisch völlig fremd ist. Da war eine Konföderation mit 781 verschiedenen Alien-Rassen natürlich ein guter Start, um dies heraus zu finden.
Orbital
Dann kam die Idee, dass die Menschen in dieser Situation die letzten sind, die in diese Konföderation integriert werden. Sie werden von vielen anderen Mitgliedern als schwarze Schafe betrachtet, die primitiven Neuen, die einige von ihnen nicht akzeptieren wollen – mit all den Vorurteilen, die in solch einer Situation hervor treten. Das war die ursprüngliche Idee. Diese ist offensichtlich inspiriert durch den Rassismus und die Intoleranz, die Einwanderern in unserer Gesellschaft begegnen.
 
Ein weiterer wichtiger Aspekt von Orbital ist der Umstand, dass der Charakter Mezoke ein Alien ist, dessen Geschlecht wir nicht kennen. Da geht es natürlich um noch heute sehr starke Vorurteile über das sogenannte unterschiedliche Denken oder Verhalten, dass Männer und Frauen angeblich natürlich unterscheidet.
 
Ich denke, wir sind alle unterschiedliche Individuen, es sind unsere Umwelt und unsere persönlichen Entscheidungen die uns ausmachen, und nicht unser Geschlecht. Eine Frau kann gewalttätig und empfindungslos, ein Mann nett und geduldig sein, und jeder kann alle diese Eigenschaften von Zeit zu Zeit abhängig von der jeweiligen Lebenslage besitzen.
Ich denke nicht, dass es eine natürliche, spezifische Herangehensweise in Abhängigkeit davon, ob du ein Mann oder eine Frau bist gibt. Es ist schon witzig, dass mich viele Leser fragen, ob Mezoke eine Frau oder ein Mann ist. Manche fühlen sich scheinbar nicht wohl mit der Ungewissheit. Ich antwortete ihnen, dass in Mezokes Kultur nicht das Geschlecht die Person definiert, und sie sollten auf diese Art denken, wenn es um die Sandjarr … und vielleicht auch um die Menschen geht. Und ja, ich denke da ist Hoffnung für die Menschen in der Realität.
 
Zu der Frage über die Existenz von außerirdischen Lebensformen, das ist keine Frage des Glaubens. Heute wissen wir, und das ist eine neues Paradigma, dass die Elemente die das Leben auf der Erde ermöglichen überall im Universum existieren, und die meisten Astrophysiker sind überzeugt, das da Milliarden von Planeten in unserer Galaxie sein könnten, auf denen Leben entstehen könnte. Statistisch gesehen ist es nur eine Frage der Zeit und der Technologie, bis die Menschheit eine außerirdische Lebensform zu Gesicht bekommen wird, wie auch immer die aussehen mag.

 

4.) In Deutschland sind Orbital 1-4 erschienen, und wir bekommen das fünfte Album im Oktober, es ist hart darauf zu warten (dank des Cliffhangers am Ende des zweiten Zyklus). Wovon wird der dritte Zyklus handeln? Kannst Du uns etwas dazu sagen, ohne zu viel zu verraten?

Der dritte Zyklus wird von bedeutenden Veränderungen handeln, von extrem brutalen Transformationen – in jeder Hinsicht. Er wird vom Storytelling wirklich ganz anders werden, als die ersten beiden Zyklen, auch wenn die tief in Orbital verwurzelten Elemente natürlich da sein werden.

 

5.) Was bevorzugst Du, Star Wars oder Star Trek? 🙂

Blade Runner 😉 Okay, wenn ich wirklich wählen muss, wäre es Star Wars.

 

6.) In Konungar vermischst Du nordische und griechische Mythologie. Was ist der Grund dafür?

"Konungar" ist ganz klar Fantasy orientiert, da habe ich ein paar Elemente von verschiedenen alten Mythologien genommen und miteinander konfrontiert. Und schließlich sind die Wikinger auch in den Süden Europas gereist, wenn die Ausgangsbasis nun ist, das die mythischen Kreaturen tatsächlich existiert haben, könnten sie sich auch getroffen, oder natürlich auch miteinander gekämpft haben.

Konungar

7.) Arbeitest Du im Moment noch an anderen Projekten?

Ja, Ich schreibe gerade mit José Homs eine Adaption von Stieg Larsons Millennium-Trilogie.

Millenium

Diese wird in sechs Graphic Novels umgesetzt, jeweils zwei Graphic Novels je Roman. Ein wirklich aufregendes und wichtiges Projekt. Dann arbeite ich mit Serge Pellé gerade an dem sechsten Teil von Orbital, an dem ersten Orbital Spin-Off mit sechs verschiedenen Künstlern (Marcial Toledano, Nicolas Bannister, Miki Montllo, José Homs und Serge Pellé) – einer Sammlung von Kurzgeschichten, die im Orbital-Universum spielen, mit Peter Bergting arbeite ich an einem One-Shot Thriller, der in Schweden spielt und von einem französischen Polizisten handelt, der nach Schweden geschickt wird um zwei vermisste Kinder zu finden. Diese Bücher werden alle bei Dupuis veröffentlicht.

Interpol Stockholm

Ich arbeite mit Juzhen an Konungar 3, das bei Glénat erscheint, mit François Miville-Deschênes an „ Reconquêtes“ 3, ein Projekt, dass Geschichte und Mythologie vermischt, in alten babylonischen Zeiten angesiedelt ist und bei Le Lombard erscheint. Die Serie startet in Deutschland im September 2012 bei Splitter.

Reconquêtes

Da gibt es ein neues Science-Fiction-Projekt namens "Jolly Roger", mit Miki Montllo, das bei Dargaud in 2013 erscheint, und eine weitere schwedische Romanadaption, ein wirklich intensiver Psycho-Thriller namens "Betrayed", geschrieben von Karin Alvtegen. Aber dafür suchen wir noch einen Illustrator.

François Sans NomIch arbeite auch mit dem Autoren Sylvain Ricard an "François Sans Nom", illustriert von Marco Biancchini und koloriert von Maz, für Quadrants. Die Geschichte spielt im Mittelalter in Frankreich und handelt von dem Dichter François Villon, der auch als Krimineller lebte. Da ist noch "Sukeban Turbo", das von Ankama veröffentlicht wird, mit François Amoretti als Coautor, Olivier Martin als Storyboard-Autor und Joysuke Wong als Zeichner – ein Action-Thriller über eine städtische Gang krimineller Mädchen in Tokio. Und es gibt ein geheimes Projekt für Casterman, etwas über das ich jetzt noch nicht sprechen kann, aber das ist auch ein wirklich schönes Projekt. Und ein weiteres Projekt für Delcourt, über das ich auch noch mehr verraten darf.

 

8.) Zum Abschluss noch die Insel-Frage: welche drei Comics würdest Du mit auf eine einsame Insel nehmen?

"20th Century Boys" von Noaki Urasawa
"Transmetropolitan" von Warren Ellis und Darick Robertson
 "Léon La Came" von Chomet und De Crecy

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Übersetzung/Interview: urtier,  Comics & Graphics

Comic-Abbildungen (c) der jeweiligen Verlage

Foto Sylvain Runberg (c) Sylvain Runberg