Comic des Jahres 2016

Auch dieses Jahr wurde ich wieder vom Tagesspiegel in die Jury zum Comic des Jahres eingeladen. Der Gewinner ist durch Sieg nach Punkten die Graphic Novel "Madgermanes" von Brigit Weyhe (Avant Verlag).

Madgermanes Graphic Novel

Wir gratulieren! Den kompletten Jahresrückblick der Jury könnt ihr hier auf der Seite des Tagesspiegels nachlesen: Die Jury hat gewählt: Die besten Comics 2016.

Hier die Begründungen für meine persönliche Bestenliste:

Platz 5:
Paco Roca: La Casa
"La Casa" ist eine persönliche und ruhig erzählte Geschichte über den Besuch des Landhauses des verstorbenen Vaters, ein Buch über Erinnerungen und mit vielen gewollten und eventuell auch ungewollten Assoziationen oder, wie der Reprodukt-Verlag treffend beschreibt, "ein Abschiedsgeschenk, eine Art letzter gemeinsamer Spaziergang von Vater und Sohn". Ich muss gestehen, um solche Geschichten mache ich normalerweise einen großen Bogen. Aber Paco Roca schafft es zum einen in seinen Comics immer etwas zu bieten, dass auch nur im Medium Comic funktioniert, und zum anderen ist er in der Lage, solche schwierigen Themen mit unglaublich viel Gespür zu erzählen, dass eben keine Betroffenheitsliteratur daraus wird. Die bewies der spanische Autor bereits mit seinem wunderbaren Comic "Kopf in den Wolken", oder auch mit der Kriegsgeschichte "Die Heimatlosen". Und so ganz nebenbei sieht das alles auch noch fantastisch aus. Kompliment Herr Roca, dies ist wiedermal ein kleines Wunder.

La Casa Graphic Novel

Platz 4:
Matthieu Bonhomme: Der Mann, der Lucky Luke erschoss
Lucky Luke war für mich die Einstiegsdroge in Sachen Comics. Nun würde ich hier nicht unbedingt eines der neueren Lucky-Luke-Alben der Hauptserie zum Comic des Jahres nominieren. Die sind zwar durchaus solide gemacht und von Zeichner Achdé toll gezeichnet, aber einfach zu sehr am Original verhaftet und zu wenig eigenständig. Aber nun haben sich die Verleger etwas getraut, was bei Spirou schon lange Gang und Gebe ist: ein neuer, stilistisch völlig anderer Zeichner durfte eine Lucky-Luke-Geschichte zeichnen. Die Wahl fiel auf Bonhomme, der schon seit Jahren zu einem meiner Lieblingszeichner gehört (unbedingt in seine anderen Werke reinschauen!). Bonhommes Stil liegt irgendwo zwischen Mainstream und Independent. Er ist für mich eine Art Bindeglied zwischen den klassischen frankobelgischen Comics und den jüngeren Comics aus dem Umfeld des Künstlerverlages L'Association. Und er ist Lucky-Luke-Fan und -Kenner, das ist für so eine Hommage enorm wichtig. Und so zieht Bonhomme diesen Lucky Luke einmal ganz anders auf. Mehr Westerndramatik, erwachsener, subtilerer Humor, aber auch mit vielen Referenzen zu den Klassikern. Mit soviel Sorglosigkeit und Inspiration kann man gerne weiterhin mit Klassiker diesen Kalibers umgehen. Mit bestem Gruß an Hergés Erben.

Der Mann der Lucky Luke erschoss Comic

Platz 3:
Fabien Bedouel / Merwan / Maurin Defrance / Fabien Nury: Der Marokkanische Frühling
"Der Marokkanische Frühling" ist ein Abenteuercomic mit zeitgeschichtlichem und politischem Hintergrund. Er spielt zur Zeit des marokkanischen Freiheitskampfes des Emir von Melilla, Mohammed ben Abd el Krim. Die beiden Hauptfiguren überleben den Ersten Weltkrieg, bewegen sich zwischen Business und Idealismus und suchen ihren Platz zwischen den zersplitterten und uneinigen nordafrikanischen Bevölkerungsguppen. Aber keine Sorge, Abenteuercomic bedeutet hier nicht, dass strahlenden Helden alles gelingt. Ganz im Gegenteil, die Figuren werden von der harten Realität mehrfach eingeholt. Der in verschiedenen Rezensionen genannte Vergleich des Comics mit Lawrence von Arabien passt. Grafisch lässt sich ein Einfluss von Hugo Pratt nicht leugnen. Die Bücher sind sehr sprechend koloriert und lassen die historische Geschichte lebendig wirken. Der Comic besteht aus vier Kapiteln, die hierzulande in zwei Bänden erschienen sind. Der Titel wurde mit "Der Marokkanische Frühling" unnötigerweise etwas "Graphic-novelisiert" übersetzt, im Original heißt die Serie, wie ich finde etwas passender, "Blut und Gold". Der deutsche Titel ist sicherlich dem zeitgeschichtlichen Teil des Comics und der Leserschaft, die man damit erreichen möchte, geschuldet. Dies nur am Rande. Es ist einfach erfreulich, dass der Verlag Schreiber & Leser diese Perle der Comickunst gehoben hat.

Der Marokkanische Frühling Comic Graphic Novel

Platz 2:
Fabien Nury / Brüno: Tyler Cross
"Tyler Cross" ist Noir-Krimi und Genre-Kino. Genre-Stoffe sorgen bekanntlich für eine Erwartungshaltung beim Leser, und die wurde zumindest für mich nicht nur erfüllt, sondern übertroffen. Tyler Cross ist ein wortkarger, zynischer und eigentlich auch nur wenig sympathischer Typ, der wie soll es anders sein, mit noch finsteren Typen Probleme bekommt. Kleines Highlight in dem Band ist eine Sequenz, in der man der Geschichte aus Sicht einer Schlange folgt und deren Gedanken mitverfolgen kann. Quentin Tarantino hätte seine Freude and diesem Buch. Mehr möchte ich zum Inhalt gar nicht sagen. Selten wurde eine Genrestück so kerzengerade auf den Punkt gebracht. Dafür sorgen sicherlich auch die Seiten des Zeichners, hier leuchten Mike Mignola, Frank Miller oder auch die Ligne Claire durch. Trotzdem entwickelt Bruno einen völlig eigenen Stil mit teilweise sehr einfachen, klaren und flächig kolorierten Zeichnungen. Insgesamt wirkt jede Seitenkomposition des Comics präzise grafisch angelegt. Ich zitiere mal Deichkind: Leider geil. Im Berliner Avant-Verlag erschien mit "Atar Gul" bereits ein beeindruckendes Werk des Künstlergespanns Bruno/Nuri, auf das ich hier kurz am Rande verweisen möchte, da der Titel in der Flut der Comic-Neuerscheinungen nur wenig beachtet wurde.

Tyler Cross Comic

Platz 1:
Wilfrid Lupano / Grégory Panaccione: Ein Ozean der Liebe
Erzählt wird die Geschichte eines kleines Mannes, seines Zeichens Fischer, der bei dem Versuch, mit seinem ebenso kleinen Schiff Fische zu fangen, in eine Folge von gefährlichen bis aberwitzigen Situationen gerät. Da er Abends nicht nach Hause kommt, macht sich parallel seine Frau auf die Suche nach ihm. Sie kratzt ihr letztes Geld zusammen, kauft ein Ticket für einen Vergnügungskreuzer und folgt ihrem Mann auf diesem Schiff Richtung Kuba über das Meer, was wieder zu einigen herrlichen und absurden, manchmal auch melancholischen Situationen, und auch zu Überschneidungen der beiden Handlungsstränge führt. Es gibt natürlich Fische, Möwen, Unwetter, umweltverpestende Öltanker und vieles mehr. Immer wenn man sich fragt, was denn jetzt noch passieren soll, haben die Autoren noch eine Idee parat. Das Besondere an dieser rund 220 Seiten messenden Graphic Novel ist neben der eigenwilligen Geschichte sicherlich, dass sie keinerlei Text enthält. Der eine oder andere rümpft bei Comics ohne Text erfahrungsgemäß die Nase, aber Comics kann man nicht nur lesen, Comics muss man sehen. Für mich ist dies die hohe Schule des grafischen Erzählens (man möge mir die Phrase verzeihen). Jeder Strich muss hier sitzen, jede Sequenz durchdacht sein, jede Mimik oder Gestik hat Bedeutung und nichts kann zusätzlich mit Worten gerade gebogen oder erklärt werden. Das können nur sehr Wenige. Lewis Trondheim, Thomas Ott, Shaun Tan oder Andy Runton wären hier als Meister des Faches zu nennen. Szenarist Lupano und Zeichner Panaccione schaffen es in diesem Comic mit Bravour und auf tatsächlich hohem Niveau und machen das Werk zu einer Referenz für grafisches Erzählen.

Ein Ozean der Liebe Graphic Novel

Bonus
Es ist ja bald Weihnachten, da möchte ich noch einen Bonustitel ins Spiel bringen. Im Berliner Piredda-Verlag ist dieses Jahr eine aufwändig gestaltete Gesamtausgabe des viktorianischen Krimis "Green Manor" erschienen. Wer frankobelgische Comics mag und sich noch etwas Schönes gönnen möchte, sollte da mal reinsehen. Ein passende und ausführlichere Rezension dazu gibt es hier auf der Seite des Tagesspiegels.

Green Manor Graphic Novel

What’s so funny about

Zu den größten Comiczeichnern wird er gezählt, der Amerikaner Robert Crumb, seines Zeichens Undergroundkünstler. Unglaublich gut zeichnen kann Mr. Crumb in dem ihm so eigenen und oft kopierten Stil mit Linien und Kreuzschraffuren in der Tat. Jetzt ist der Sammelband Nausea bei Reprodukt erschienen.

Nausea

Crumb lässt uns in seinen Werken teilhaben an Psychosen und seinen grotesken sexuellen Vorlieben und Fantasien, mitunter ist das Pornografie, der wirklich jede Erotik fehlt. Mitunter ist das auch erstaunlich niveaulos und sexistisch, und erfüllt einige Klischees über Comics, gegen die etliche Leute seit Jahren versuchen anzukämpfen.

Seine Lieblingsfigur ist der kleine Mann, der auf üppige Frauen Marke Schwergewichtsringer steht. Bei diesen Proportionen der am Akt beteiligten befürchtet der Leser gelegentlich, dass der kleine Mann gleich das Schicksal der männlichen Gottesanbeterin (das Insekt ist gemeint) teilt. Am Ende bleibt die Frage: was ist daran eigentlich so lustig?

Damals war das inhaltlich sicher revolutionär, heute schockiert das glaube ich keinen mehr, der schon mal im Internet auf eine Pornsite (rein zufällig und aus Versehen, versteht sich) gelangt ist, oder nachts schon mal Privatfernsehen an hatte. Interessant ist Crumb daher m.M. nach auch eher als historische Figur, interessanter als sein Werk ist sein Vermächtnis: sein Stil hat unzählige Zeichner beeinflusst und das Medium Comic nachhaltig verändert. Das muss man ihm zu Gute halten, und das rechtfertigt auch den Reprint seiner Werke. Und so ist es auch eher Anschauungs- als Lesestoff. Für comichistorisch interessierte. Wer genügend Distanz zum Inhalt mitbringt kann sich zudem an den grandiosen Zeichnungen erfreuen.

Reprodukt hat dem Underground-Porno die gleiche Aufmachung wie den Mumins (wir erinnern uns, diese wunderschönen, herzlichen, skurrilen, liebenswerten All-Age Geschichten) spendiert. Diese ist sehr schön geworden. Inhaltliche Assoziationen zu ähnlich aufgemachten Publikationen lässt man da aber lieber bleiben.

Leseprobe bei Reprodukt

Nausea
von Robert Crumb
Reprodukt
Hardcover, 112 Seiten, s/w, 29.00 EUR
 

Parallelwelten

Tagesspiegel - Brüsel

In meiner kleinen, seit 2009 laufenden Kolumne im Comic-Blog des Berliner Tagesspiegels ist gerade mal wieder ein Artikel erschienen:
Die geheimnisvolle Stadt Brüsel (alternativ auch hier im Blog zu finden).

Der Comic-Blog des Tagesspiegels ist eine der vielseitigsten Informationsquellen über Comics. Gezeichnete Geschichten aller Genres und Formate, aber auch comicverwandte Themen wie Verfilmungen oder Veranstaltungen werden dort regelmäßig besprochen. Die Werke werden dort nicht nur gefeiert, sondern auch kritisch rezensiert. Im Gegensatz zu anderen Portalen oder Magazinen wird der Comicblog unabhängig von Comicverlagen betrieben, ist damit eine wichtige Ressource, und sprengt dabei mühelos auch noch die Grenzen des sonst manchmal recht eindimensionalen Rahmens der Kulturabteilungen verschiedener Medien.

Die Beiträge stammen von comicbegeisterten Redakteuren, Künstlern, Brancheninsidern und Journalisten. Reinlesen!

http://www.tagesspiegel.de/kultur/comics

Auf keinen Fall Fantasy!

Vor kurzem hatten wir jemanden im Laden, der wollte etwas für seinen elfjährigen Sohn kaufen. Nur sollte es auf keinen Fall Fantasy oder Science Fiction, sondern was Realistisches sein.

Da fragt man sich, woher die neue Aversion gegen phantastische Stoffe kommt, die sich teilweise ja auch im Feuilleton widerspiegelt – indem über solche Themen schlichtweg selten berichtet wird.

Ich finde das bedauerlich und sogar bedenklich. Ist Fantasie neuerdings etwas schlechtes?  Wir werden tagtäglich aus TV und Presse mit einer unglaublichen Flut an Negativmeldungen zugedröhnt. Selbst im Kika-Vorabendprogramm werden den Kids Berichte über Tretminen in Mozambique und Selbstmordattentäter zugemutet. Zweifellos sind dies wichtige Themen. Nur was bringt es, wenn die Träume und Fantasien der Kids von diesem Realitätskram vergiftet werden?

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Hergé: Das Geheimnis des Klassikers

Das Geheimis der EinhornTrotz vieler gelungener Elemente der Spielbergversion von "Tim und Struppi" stellte sich für mich nach der Vorführung die Sehnsucht nach dem Original ein. Zu sehr hat Spielberg Tim/Tintin mit Indiana Jones vermischt (oder verwechselt?) und spektakuläre Szenen dazuerfunden, die der Comic gar nicht nötig hat.

Zunächst zu den Grundlagen des Films:  Spielberg hat vor allem das Album "Das Geheimnis der Einhorn" adaptiert, von dessen Fortsetzung "Der Schatz Rackhams des Roten" verwendete er nur eine finale Szene. Außerdem hat er wichtige Teile aus dem Band "Dir Krabbe mit den goldenen Scheren" entlehnt, um Kapitän Haddock vorzustellen, der im "Einhorn"-Comic Tim und den Lesern eigentlich schon bekannt war.

"Das Geheimnis der Einhorn", hat für mich auch eine besondere persönliche Bedeutung: in meiner Erinnerung ist es der erste Tim und Struppi-Band, der mir von meinen Eltern vorgelesen wurde. Seitdem liebe ich jeden einzelnen der kauzigen Charaktere. Noch heute bin ich der Überzeugung, dass dieser Band auch einer der besten der Reihe ist.

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The Show Must Go On

Lucky Luke gegen PinkertonDer gerade erschienene Band "Lucky Luke gegen Pinkerton" zeigt, wie man einen Klassiker vortrefflich fortsetzt.

Wenn klassische Serien durch neue Künstler fortgesetzt werden, oder wenn einzelne Künstler wegfallen, ist das immer so eine Sache. Wie z.B. im Fall von "Asterix", wo die Serie nach dem Tod des Autors Goscinny zwar trotz leichten Abfalls anfangs noch recht gut war, dann aber zielstrebig den Tiefpunkt anstrebte und diesen dann mit "Gallien in Gefahr" erreichte.

 

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Marvelstahl

Der Comic ist erwachsen geworden, heißt es oft so schön. Nur bei einem der größten Verlage läuft das offenbar anachron.

Früher gab es mal die sogenannte „Coverfalle“ – Comics die wunderbare Cover hatten, innen aber mitunter erstaunlich schlecht gezeichnet waren. Auch die gut gezeichneten Comics hatten meist noch ein viel schickeres Cover – gelegentlich in von verschiedenen Künstlern gezeichneten Varianten. Das Cover vermittelt den ersten Eindruck des Heftes, und da wird natürlich und legitimer Weise entsprechender Aufwand betrieben.

Nur in letzter Zeit kann man beim Durchblättern des Marvel-Preview-Katalogs nur noch den Kopf schütteln. Die Helden sehen alle aus wie frisch aus der Mucki-Bude entsprungene Türsteher, die Superheldinnen sehen meist aus wie die Bordsteinschwalben aus der Oranienburger Straße. Über solche anatomische Entgleisungen und plumpeste Erotik kann man sich sicher noch vortrefflich streiten.

Was aber richtig bitter aufstößt, sind diese heroischen, von jeder Ironie oder Humor befreiten Posen und Szenarien, die dort abgebildet werden. Und wenn das dann noch in Sepia getüncht ist und Captain Amerika die Fahne im Kampf schwingt, dann ist das die fragwürdige Ästhetik einer Leni Riefenstahl. Ob sich dieser Geist im Innern der Hefte durchsetzt? Ich kanns nicht beantworten, denn die Coverfalle wirkt hier genau umgekehrt: ich habe keine Lust so ein Heft auch noch aufzuschlagen.